Unsere Tochter – ein besonderes Kind mit einer Diagnose aus dem Autismus-Spektrum – musste gestern in einem ihrer nicht gerade geliebten Fächer eine Arbeit nachschreiben. Was eigentlich „nur“ eine schulische Formalität sein sollte, endete in Tränen, Panik und stundenlanger Überforderung.
Was ist passiert?
Sie wurde völlig überrumpelt. Niemand hatte ihr gesagt, dass auch sie zu den Kindern gehört, die nachschreiben müssen. Keine Vorbereitung, keine Möglichkeit, sich innerlich darauf einzustellen – und das bei einem Kind, das auf Veränderungen und plötzliche Situationen ohnehin sensibel reagiert.
Natürlich brach sie in der Schule in Tränen aus. Natürlich konnte sie zu Hause nicht einfach abschalten. Sie musste lange getröstet werden, bis sie überhaupt zur Ruhe kam.
Heute dann die Nachricht der Lehrerin: Das Nachschreiben sei „nicht ausreichend“ gewesen – unsere Tochter bekommt nun Sonderhausaufgaben.
Versteht mich nicht falsch: Ich bin absolut dafür, dass Kinder gefördert werden. Und ja, mit gezieltem Üben kann man vieles aufholen. Aber ich stelle die Frage: Warum musste sie überhaupt so kopflos in diese Situation geraten?
Die Lehrerin wusste von der Diagnose. Sie wusste, dass unser Kind bei plötzlichen Ereignissen – wie beim ersten Feueralarm – in Panik geraten ist. Sie wusste auch, wie schwer ihr räumliche Veränderungen fallen. Und dennoch wurde sie nicht vorgewarnt. Obwohl die ganze Klasse wusste, dass irgendwer nachschreiben muss – wusste unsere Tochter bis zur Minute X nicht, dass sie es ist.
Ein einzelner Satz – „Du wirst morgen nachschreiben“ – hätte ihr so viel Leid erspart. Oder einfach ein kleiner Zettel für uns - ohne die direkte Info - das hätte uns viel Leid ersparen können und wir hätten sie (nicht auf den Lernstoff) auf die Situation vorbereiten können.
Ein einziger Moment der Empathie – und der Tag hätte einen ganz anderen Verlauf genommen.
Inklusion bedeutet nicht, dass alle gleich behandelt werden.
Inklusion bedeutet, dass alle das bekommen, was sie brauchen. Und unser Kind braucht eben manchmal ein kleines bisschen mehr Vorlauf. Ein kleines bisschen mehr Verständnis. Und das ist kein Drama – es ist einfach Menschlichkeit.


