Ein Kreuz zu viel - und ein Recht zu wenig
Wenn Behörden schweigen und Eltern laut werden müssen.
Unfassbar. Irgendwann ist einfach Schluss.
Gestern Abend war dieser Moment.
Der Moment, an dem es uns gereicht hat. An dem wir nicht mehr nur still zuhören, hoffen oder abwarten wollten. Der Moment, an dem wir das gemacht haben, was eigentlich die Aufgabe anderer wäre: Gesetze nachlesen. Verantwortung einfordern. Grenzen setzen.
Seit Mitte Januar liegt unser Antrag auf Schulbegleitung und Autismustherapie für unsere Tochter bei der Jugendhilfe.
Seit über vier Monaten.
Und bis heute – Ende Mai – gibt es: nichts. Nicht wirklich, ausser der Randnotiz, der Teamentscheid hätte beide Anträge abgelehnt.
Keinen Bescheid. Keine Begründung. Kein offizielles Schreiben.
Aber es wurde abgelehnt. Für ein autistisches Kind.
Ein Kind, das täglich überfordert, ausgegrenzt und psychisch verletzt wird. Ein Kind, das nicht aus Trotz, sondern aus Verzweiflung laut wird. Ein Kind, das sich erinnert – an jedes Wort, jede Geste, jede Ablehnung.
Tag für Tag hören wir, was in der Schule passiert. Wie wenig Verständnis manche Erwachsene aufbringen. Wie achtlos mit Sprache umgegangen wird. Wie schnell vergessen wird, dass ein einziges falsch gesetztes Wort Welten auslösen kann – bei einem Kind, das ohnehin jeden Tag kämpft. Allein. Ohne Netz.
Und was macht die Jugendhilfe?
Nichts.
Kein offizieller Bescheid. Kein Gespräch. Keine Perspektive.
Dabei ist längst klar: Dieses Verhalten ist nicht nur moralisch fragwürdig, sondern rechtswidrig.
Gestern Abend haben wir das getan, was eigentlich nicht unsere Aufgabe ist. Wir haben Gesetze gewälzt. Nach Fristen gesucht. Paragraphen gelesen.
Und dann: eine Mahnung geschrieben.
Weil das, was hier passiert, ein Verstoß gegen geltendes Recht ist.
Nach § 88 SGG müssen Anträge innerhalb von drei Monaten entschieden werden.
Nach § 35a SGB VIII hat unsere Tochter Anspruch auf Unterstützung, wenn ihre seelische Gesundheit beeinträchtigt ist – und das ist sie.
Nach § 17 SGB I muss eine Behörde verständlich beraten und zeitnah handeln.
Nichts davon ist wirklich passiert.
Und irgendwann ist einfach Schluss.
Nicht mit der Hoffnung. Aber mit dem Schweigen. Nicht mit der Liebe. Aber mit der Geduld. Nicht mit der Bitte – aber mit dem Warten darauf, dass irgendjemand von sich aus handelt.
Wir kämpfen weiter.
Und manchmal beginnt der nächste Schritt damit, laut zu werden. Weil Kinder wie unsere nicht übersehen werden dürfen.
Und heute? Der Anruf.
Die Jugendhilfe meldete sich. Nach ewiger Funkstille. Nach der vagen E-Mail. Nach der Mahnung mit gesetzlicher Grundlage. Nach all dem… plötzlich Bewegung.
Man teilte uns mit, warum wir bislang keinen offiziellen Bescheid erhalten haben.
Und jetzt haltet euch fest:
Weil wohl an anderer Stelle ein falsches Kreuz gesetzt wurde.
Ein Kreuz.
In einem Formular.
Das zu einem Teamentscheid führte.
Der wiederum – Überraschung – auf einer falschen Grundlage basierte.
Ich musste innerlich lachen. Nicht, weil es witzig war, sondern weil es so traurig offensichtlich ist. Wir mussten drohen, erinnern, drängen, mahnen – mit Paragraphen und Gesetzestexten –, bevor überhaupt jemand innehielt und nochmal hinsah. (angeblich)
Und jetzt?
„Die Jugendhilfe rennt los“, wie man uns sagte.
Termine werden vereinbart. Hospitationen geplant.
Was daraus wird, wissen wir nicht. Noch nicht. Aber wir hoffen – sehr –, dass dies nicht der Beginn eines neuen Kreislaufs aus Warten und Schweigen wird. Sondern endlich: die Genehmigung der Hilfen, die unserem Kind längst zustehen.
Nicht nächste Woche. Nicht irgendwann. Am besten schon gestern.


