Vom Anziehen und Aushalten
Wenn Alltag pöltzlich nicht mehr geht
Die vergangene Woche war… anders. Nicht laut, nicht dramatisch – aber fordernd in einer stillen, zermürbenden Art. Eine dieser Wochen, die sich wie zäher Nebel über den Alltag legen.
Am Donnerstag hatten wir überraschend frei. (Feiertag) Eigentlich war es angekündigt – bereits zu Beginn der Woche wurde in der Schule gesagt, dass es sich um eine kurze Woche handeln würde. Für viele Kinder bedeutet das: weniger Schule, mehr Freizeit, Vorfreude. Für unsere Tochter bedeutet das: Unsicherheit, Unruhe, Kontrollverlust.
Denn auch wenn es ausgesprochen wurde, war es nicht verankert. Nicht fühlbar. Nicht sicher. Die Verlässlichkeit in ihrem inneren System kam ins Wanken – und mit ihr der ganze Ablauf.
Begleitet hat uns durch fast 80 % dieser Woche ein Thema, das uns zwar vertraut ist, aber doch jedes Mal aufs Neue herausfordert: Kleidung.
Genauer gesagt: das plötzliche Nicht-mehr-Gehen von Kleidung.
Es war, als wäre von einem Moment auf den nächsten eine unsichtbare Grenze verschoben worden. Hosen gingen nicht mehr. Keine Jeans, keine Leggings, keine Jogginghose. Alles fühlte sich falsch an. Zu eng. Zu locker. Zu kratzig. Zu schwer. Zu leicht. Zu viel.
Übrig blieb: genau eine Hose. Die eine, die noch auszuhalten war. Und so standen wir jeden Morgen wieder vor dem Kleiderschrank, vor dem Spiegel, voreinander – mit wachsender Anspannung, manchmal auch mit Tränen in den Augen.
Nicht, weil es um Mode ging, sondern weil es nicht ging. Nicht mit Willen, nicht mit Zuspruch, nicht mit Logik.
Was nach außen vielleicht wie Trotz aussieht, ist in Wahrheit ein inneres Ringen mit Empfindungen, die sich nicht erklären oder kontrollieren lassen. Und wenn man dann danebensteht – als Elternteil, als Mensch, der helfen will, aber nicht kann – bricht einem das Herz. Weil man sieht, wie sehr dieses Kind sich bemüht. Wie es versucht, sich hineinzufügen in eine Welt, deren Anforderungen für es manchmal schlicht zu viel sind.
Als ob das nicht schon genug gewesen wäre, kam dann noch das zweite große Thema der Woche: Schuhe.
Ihr geliebtes Paar – das, was sie über Monate getragen hat, mit dem sie sich sicher fühlte, das mit jedem Kratzer mehr zu einem Teil von ihr geworden war – war durch. Kaputtgelaufen, wortwörtlich. Und das hieß: Ersatz musste her.
Wir haben eine Stunde im Schuhgeschäft verbracht. Eine Stunde, in der wir gefühlt jedes Paar in ihrer Größe anprobiert haben, und keines davon passte. Nicht äußerlich – da ist sie erstaunlich offen gewesen. Es ging um das Fühlen.
Da drückte etwas an der Ferse. Dort war die Innensohle zu steif. Das Material war zu fest, zu weich, zu laut, zu irgendwas. Nichts ging. Es war – und ich sage das mit einem müden Lächeln – zum Mäusemelken.
Denn man sieht ja: sie will. Sie probiert. Sie ringt. Aber wenn der Körper Nein sagt, dann ist das kein Vielleicht. Dann ist das ein echter, unaushaltbarer Reiz. Am Ende haben wir es irgendwie geschafft. Ich habe das gleiche Modell ihrer alten Schuhe online gefunden.
Gott sei Dank. Ich habe es in mehreren Größen bestellt, gleich mehrfach – einfach, um vorbereitet zu sein. Um diese winzigen Sicherheiten für den Alltag nicht wieder zu verlieren. Und auch die geliebte Hose – ja, die eine – haben wir nochmal bekommen. Drei Stück davon, direkt.
Weil wir wissen, dass es manchmal genau dieses eine Kleidungsstück ist, das zwischen einem guten Tag und totaler Überforderung steht. Es ist anstrengend. Für siey für uns, für alle drumherum.
Nicht selten endet so eine Woche in Tränen, weil einfach nichts mehr geht. Aber wir haben es geschafft. Nicht elegant, nicht mit Leichtigkeit, aber mit Ausdauer, Verständnis und dem unbedingten Wunsch, ihre Welt ein kleines Stück tragbarer zu machen.
Und zum Ende dieser kräftezehrenden Woche gab es noch ein kleines Erfolgserlebnis. Aber davon erzähle ich euch morgen.
Für heute lassen wir die Gedanken zur Ruhe kommen.
Kommt gut in die neue Woche.
💛


