Manchmal braucht es Stille, um durchhalten zu können.
Es war still hier – nicht, weil nichts geschah. Sondern weil alles geschah.
In den letzten Wochen war es ruhig auf unserem Blog. Nicht, weil uns die Themen ausgegangen wären. Sondern, weil wir all unsere Kraft an anderer Stelle brauchten: für unser Kind. Für den Alltag. Für die vielen unsichtbaren Kämpfe, die wir Tag für Tag austragen – manchmal mit Worten, manchmal mit Geduld, manchmal einfach nur mit Durchhaltevermögen.
Wir mussten trösten, erklären, abfedern, ausbalancieren, funktionieren – oft weit über unsere Belastungsgrenze hinaus. Wenn kaum noch Zeit bleibt zum Atmen, wird auch das Schreiben schwierig.
Unser Kind erlebt derzeit eine Phase starker sensorischer Überforderung. Viele Dinge, die für andere banal oder nebensächlich erscheinen, werden zu echten Herausforderungen. Es sind die „falschen“ Schuhe. Das „kratzige“ Shirt. Ein Bund, der zu eng ist. Ein Etikett, das zu viel ist. Für neurotypische Menschen kaum wahrnehmbar – für unser Kind jedoch ein permanentes Reiben an der eigenen Grenze. So, als würde man ständig Sandpapier auf der Haut spüren. Reiz um Reiz.
Dazu kam vor Kurzem eine neue, lose Zahnspange. Wir hatten bereits im Vorfeld einen sehr einfühlsamen Brief an den Kieferorthopäden geschrieben, um zu erklären, was auf uns zukommt – und wurden nicht enttäuscht: Ein Arzt mit echter Empathie, der sich wunderbar auf unser Kind eingelassen hat. Am ersten Tag wurde die Spange tatsächlich gut angenommen – zur Überraschung aller. Aber schon am zweiten Tag war der Widerstand da. Massiv. Die Spange wurde komplett verweigert, das Einsetzen führte zu starken emotionalen Reaktionen – Überforderung pur.
Also haben wir einen neuen Weg gesucht – und gefunden:
Am Abend streicheln wir nun gemeinsam ganz sanft über den Kopf, während die Spange im Mund ist. Ein kleines Ritual. Eine beruhigende Geste. Und im Moment hilft genau das, um die Spange zumindest für eine Weile akzeptieren zu können. Es sind diese Mikro-Momente des Verstehens, die für uns riesengroß sind. Kleine Kompromisse mit großer Wirkung.
Auch außerhalb des Alltags ist viel passiert – vor allem im Kontakt mit der Jugendhilfe.
Nach mehr als drei Monaten des Wartens kam endlich Bewegung in unsere Anträge. Und mit ihr die Erkenntnis: Ein falsch gesetztes Kreuz beim Schulamt hatte zu einer komplett falschen Einschätzung und letztlich zu einer Ablehnung geführt. Und das, obwohl wir seit Monaten immer wieder auf die Dringlichkeit hingewiesen hatten. Diese Information traf uns hart – nicht nur wegen des Fehlers, sondern vor allem, weil wir dadurch wieder ganz am Anfang standen. Alles zurück. Alle Anträge neu. Wieder warten.
Doch dann, vergangene Woche, kam ein kleiner Lichtblick:
Die Jugendhilfe war zur Hospitation in der Schule. Man teilte uns mit, dass die dort gewonnenen Eindrücke möglicherweise positiv in die Entscheidung einfließen könnten. Hoffnung keimte auf – auch wenn wir sie vorsichtig formulierten. Denn in diesem Prozess haben wir gelernt, Erwartungen nicht zu hoch zu hängen.
Und dann – gestern – kam ganz unerwartet die E-Mail:
Die Entscheidung ist gefallen. Positiv.
Wir haben endlich eine Zusage. Für schulische Integrationshilfe. Für autismusspezifische Förderung. Ein kleiner Sieg nach einem langen Weg. Ein Moment, in dem wir zum ersten Mal seit Langem wirklich durchatmen konnten.
Natürlich: Die Wartezeiten auf Therapieplätze bleiben lang. Teilweise erschreckend lang. Und auch jetzt wird es sicher nicht plötzlich einfach. Aber allein das Wissen, dass wir nicht mehr allein kämpfen, dass etwas in Bewegung gekommen ist – das gibt uns Kraft. Und vor allem: Hoffnung.
Wir gehen weiter. Schritt für Schritt. Für unser Kind, für andere Kinder und für die, die sich selbst nicht sichtbar machen können.
Und wir erzählen unsere Geschichte – nicht, weil sie einzigartig ist, sondern weil sie leider nicht selten ist und weil es vielen so geht. Und weil Veränderung nur entstehen kann, wenn wir laut und ehrlich sind.
Danke, dass ihr mitlest. Danke, dass ihr fühlt.


