Zwischen fachlicher Kritik, persönlichen Erfahrungen und gegenseitigem Respekt

Warum wir unsere Inhalte hinterfragen, aber nicht jede Bewertung unserer Arbeit übernehmen müssen.

 

Vor Kurzem erreichte uns über unsere Website eine ausgesprochen ausführliche Nachricht, in der verschiedene Inhalte und Darstellungen von gedankenflut.fuehlen kritisiert wurden. Dabei ging es um fachliche Begrifflichkeiten, diagnostische Einordnungen, unsere Illustrationen und letztendlich sogar um unsere grundsätzliche Haltung gegenüber neurodivergenten Menschen.

 

Wir haben uns mit dieser Kritik intensiv auseinandergesetzt und möchten einige Gedanken dazu teilen. Nicht, um uns vor einer einzelnen Person zu rechtfertigen, sondern weil die angesprochenen Themen durchaus Fragen aufwerfen, die über unsere Website hinausgehen.

 

Denn wo endet sachliche Kritik und wo beginnen persönliche Bewertungen? Wer entscheidet darüber, welche Darstellung von Neurodivergenz die richtige ist? Und wie viel gegenseitiger Respekt bleibt eigentlich übrig, wenn man anderen Menschen die eigene Sichtweise vermitteln möchte?

 

Wir sind keine Fachpersonen und haben das auch nie behauptet.

 

gedankenflut.fuehlen ist aus persönlichen Erfahrungen entstanden. Neurodivergenz ist Teil unseres Familienalltags. Wir beschäftigen uns seit Jahren intensiv mit Autismus, ADHS und den damit verbundenen Themen. Hinzu kommt unser ehrenamtliches Engagement in der Selbsthilfe, durch das wir mit ganz unterschiedlichen Menschen, Lebensrealitäten und Unterstützungsbedarfen in Kontakt kommen.

 

Wir sind allerdings keine medizinischen, psychologischen oder therapeutischen Fachpersonen. Das kommunizieren wir auf unserer Website auch ganz offen.

 

Unser Ziel ist es, Erfahrungen zu teilen, aufzuklären, Informationen zugänglich zu machen, Menschen miteinander zu vernetzen und Verständnis zu fördern. Wir möchten sowohl Betroffenen als auch Angehörigen Orientierung bieten und Dinge sichtbar machen, die im Alltag häufig übersehen werden.

 

Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass fachliche Informationen deshalb ungenau oder fehlerhaft sein dürfen.

 

Wo wir fachlich etwas falsch dargestellt haben, korrigieren wir es. Ganz einfach.

 

So haben wir uns beispielsweise noch einmal mit den Begriffen Neurodiversität und Neurodivergenz, den unterschiedlichen diagnostischen Klassifikationssystemen, den Erscheinungsbildern von ADHS und verschiedenen diagnostischen Kriterien auseinandergesetzt.

 

Auch die Bedeutung unterschiedlicher Kommunikationsformen haben wir in unseren Texten stärker berücksichtigt. Zusätzlich ergänzen wir fachliche Quellen und Aktualisierungsdaten.

 

Niemand weiß alles. Wissenschaftliche Erkenntnisse entwickeln sich weiter und auch wir lernen ständig dazu. Dafür sind sachliche Hinweise durchaus hilfreich. Neuroaffirmation bedeutet für uns nicht, Schwierigkeiten zu verschweigen.

 

Ein wesentlicher Kritikpunkt bezog sich auf unsere Darstellung von Autismus und ADHS. Uns wurde vorgeworfen, durch bestimmte Formulierungen und Illustrationen ein einseitig negatives Bild zu vermitteln und ableistische Sichtweisen zu reproduzieren.

 

Diese Einschätzung teilen wir nicht.

 

Wir setzen uns für Akzeptanz, Selbstbestimmung, Inklusion und gesellschaftliche Teilhabe ein. Wir möchten, dass neurodivergente Menschen mit ihren individuellen Fähigkeiten, Bedürfnissen und Grenzen ernst genommen werden. Dazu gehört für uns aber ebenso, Schwierigkeiten und erhebliche Unterstützungsbedarfe offen benennen zu dürfen.

 

Wer unseren Blog verfolgt, weiß, dass wir über unseren Familienalltag berichten. Über schöne Entwicklungen und Erfolge, aber eben auch über Ängste, Überforderung, Reizüberflutung, Meltdowns und Situationen, die uns als Familie an unsere Grenzen bringen. Das sind keine erfundenen Geschichten, keine pauschalen Bewertungen von Autismus und auch keine bewusste Darstellung von Neurodivergenz als etwas grundsätzlich Negativem.

 

Das sind unsere persönlichen Erfahrungen und UNSERE Realität!

 

Und diese Realität werden wir nicht beschönigen, nur damit sie einem bestimmten Verständnis von Neuroaffirmation entspricht. Gerade durch unsere Selbsthilfearbeit wissen wir, wie unterschiedlich die Lebensrealitäten neurodivergenter Menschen sein können. Manche benötigen wenig Unterstützung, andere sind in zahlreichen Lebensbereichen darauf angewiesen. Einige erleben ihre Neurodivergenz überwiegend positiv, andere empfinden bestimmte Schwierigkeiten als erhebliche Belastung.

 

Viele erleben beides.

 

Wir finden, dass all diese Perspektiven ihren Platz haben sollten.

 

Es wäre aus unserer Sicht wenig hilfreich, wenn Menschen ihre tatsächlichen Schwierigkeiten nicht mehr offen benennen könnten, weil sie befürchten müssten, damit ein vermeintlich falsches Bild von Neurodivergenz zu vermitteln.

 

Akzeptanz bedeutet für uns auch, unterschiedliche Erfahrungen stehen lassen zu können.

 

Das Puzzleteil, ein Symbol, über das man unterschiedlicher Meinung sein darf.

 

Auch eine unserer Illustrationen wurde kritisiert, weil darin ein Puzzleteil verwendet wird. Uns ist durchaus bewusst, dass dieses Symbol innerhalb der autistischen Community kontrovers diskutiert wird. Viele autistische Menschen lehnen es ab, weil sie damit Vorstellungen von Unvollständigkeit oder Rätselhaftigkeit verbinden. Auch die Verwendung durch bestimmte Organisationen hat zu einer ablehnenden Haltung gegenüber diesem Symbol beigetragen.

 

Diese Sichtweise respektieren wir.

 

Allerdings gibt es ebenso Menschen, die dem Puzzleteil eine andere Bedeutung geben und es weiterhin verwenden.

 

Für uns persönlich steht es weder dafür, dass autistischen Menschen etwas fehlt, noch dafür, dass Autismus ein Rätsel wäre, das gelöst werden müsste. Wir verbinden damit keine abwertende Botschaft!

 

Deshalb haben wir uns entschieden, die betreffende Illustration beizubehalten.

 

Und genau hier stellt sich für uns eine grundsätzliche Frage:

 

Muss jeder Mensch innerhalb der neurodivergenten Community dieselben Symbole, Begriffe und Darstellungen ablehnen oder befürworten?

 

Wir denken nicht.

 

Natürlich sollten wir uns mit der Geschichte und möglichen Wirkungen bestimmter Symbole auseinandersetzen. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass jede Person anschließend zu derselben Bewertung kommen muss.

 

Unterschiedliche Sichtweisen dürfen existieren.

Das gilt übrigens ebenso für unsere übrigen Illustrationen.

Ein überfordert wirkendes Kind kann einen schwierigen Moment darstellen, ohne damit das gesamte Leben mit ADHS auf Überforderung zu reduzieren. Ein gesenkter Blick muss nicht zwangsläufig Traurigkeit symbolisieren. Und Fragezeichen in Sprechblasen können Verständigungsschwierigkeiten verdeutlichen, ohne Kommunikation grundsätzlich negativ zu bewerten.

 

Bilder lassen Raum für Interpretationen. Dass Menschen sie unterschiedlich wahrnehmen, ist vollkommen normal.

 

Wir erheben mit unseren Illustrationen nicht den Anspruch, sämtliche Facetten einer Neuroentwicklungsstörung in einem einzigen Bild abzubilden.

 

Wertschätzung ist keine Einbahnstraße.

 

Was uns an der erhaltenen Nachricht allerdings besonders irritiert hat, war nicht die fachliche Kritik, sondern die Art und Weise, wie sie formuliert wurde. Wenn ein Fehler als „hochgradig peinlich“ bezeichnet wird, der persönliche Wissensstand herablassend kommentiert wird und abschließend sogar infrage gestellt wird, ob wir überhaupt an einem neuroaffirmativen Miteinander interessiert seien, empfinden wir das nicht mehr als rein sachliche Kritik.

 

Solche Formulierungen sind aus unserer Sicht weder besonders konstruktiv noch wertschätzend.

 

Umso befremdlicher finden wir es, wenn gleichzeitig Akzeptanz, gegenseitiges Verständnis und ein respektvoller Umgang eingefordert werden.

 

Denn Respekt und Wertschätzung sind keine Einbahnstraße!

 

Wer sich für einen respektvollen Umgang mit neurodivergenten Menschen einsetzt, sollte diesen Anspruch auch im direkten Umgang mit anderen Menschen berücksichtigen. Natürlich darf man Fehler benennen. Man darf widersprechen, andere Perspektiven vertreten und auch deutliche Kritik äußern, aber es besteht ein erheblicher Unterschied zwischen einer fachlichen Richtigstellung und einer persönlichen Herabwürdigung.

 

Es ist vollkommen legitim, darauf hinzuweisen, dass eine diagnostische Einordnung nicht mehr dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entspricht. Es ist aber etwas anderes, daraus Rückschlüsse auf den Wissensstand, die Kompetenz oder gar die grundsätzliche Haltung einer Person zu ziehen.

 

Besonders schwierig finden wir es, wenn einzelne Formulierungen oder Illustrationen ausreichen sollen, um jemandem indirekt Ableismus zu unterstellen. Das ist aus unserer Sicht mehr als frech oder falsch formuliert!

 

Wir selbst leben mit Neurodivergenz innerhalb unserer Familie und setzen uns sowohl privat als auch ehrenamtlich für die Interessen neurodivergenter Menschen und ihrer Angehörigen ein Natürlich schützt uns unsere eigene Betroffenheit nicht davor, Fehler zu machen oder unbewusst problematische Sichtweisen zu übernehmen. Auch wir müssen bereit sein, unsere Haltung und unsere Aussagen zu hinterfragen. Und das tun wir und haben beim Überarbeiten unserer Seite auch darüber nachgedacht.

 

Aber wir lehnen neurodivergente Menschen nicht ab! Ganz im Gegenteil. Unsere gesamte Arbeit ist darauf ausgerichtet, Verständnis zu fördern, Barrieren sichtbar zu machen und Teilhabe zu unterstützen. Deshalb empfinden wir derartige Unterstellungen als besonders unangebracht.

 

Und noch etwas ist uns wichtig: Hinter dieser Website stehen Menschen. Menschen, die Zeit, Energie und persönliche Erfahrungen investieren, um Informationen zugänglich zu machen und anderen möglicherweise ein Stück Orientierung zu bieten.

 

Man muss diese Arbeit nicht gut finden. Man darf sie hinterfragen und selbstverständlich auch kritisieren.

 

Aber man kann dabei respektvoll bleiben!

 

Gerade innerhalb einer Community, die sich für Akzeptanz und gegenseitiges Verständnis einsetzt, sollte das eigentlich selbstverständlich sein. Unterschiedliche Perspektiven gehören selbstverständlich dazu.

 

Neurodivergente Menschen sind keine homogene Gruppe. Sie unterscheiden sich in ihren Erfahrungen, Bedürfnissen, Fähigkeiten, Einstellungen und persönlichen Überzeugungen.

 

Was für einen Menschen unterstützend ist, kann ein anderer als unangenehm empfinden. Was für eine Person eine positive Bedeutung hat, kann bei einer anderen negative Erinnerungen hervorrufen. Das bedeutet nicht automatisch, dass eine dieser Perspektiven grundsätzlich falsch ist.

 

Wir wünschen uns deshalb einen Umgang miteinander, der unterschiedliche Erfahrungen und Auffassungen zulässt, ohne bei jeder Meinungsverschiedenheit unmittelbar die Haltung des Gegenübers infrage zu stellen.

 

Neuroaffirmation sollte aus unserer Sicht nicht zu einem Maßstab werden, mit dem Menschen gegenseitig beurteilen, wer die vermeintlich richtige Einstellung hat. Vielmehr sollte es darum gehen, neurologische Unterschiede anzuerkennen, individuelle Bedürfnisse ernst zu nehmen und gesellschaftliche Barrieren abzubauen. Dazu gehört auch, miteinander sprechen zu können, ohne sich gegenseitig abzuwerten. Was in den Nachrichten aus unserer Sicht nicht gänzlich gelungen ist.

 

Was wir aus dieser Kritik mitnehmen.

 

Wir haben die fachlichen Hinweise aus der Nachricht sorgfältig geprüft und entsprechende Korrekturen vorgenommen beziehungsweise angestoßen, denn unser Anspruch ist es, auf unseren Informationsseiten möglichst sachlich richtige und verständliche Inhalte bereitzustellen.

 

Unsere persönlichen Erfahrungsberichte bleiben hingegen unverändert!

 

Sie beschreiben unser Leben, unsere Wahrnehmungen und unsere Gefühle. Sie müssen nicht den Erwartungen anderer Menschen entsprechen.

 

Auch unsere Illustrationen werden wir nicht grundsätzlich verändern, nur weil sie unterschiedlich interpretiert werden können. Wo Darstellungen tatsächlich irreführend sind, werden wir sie selbstverständlich hinterfragen. Wo es sich hingegen um unterschiedliche persönliche Bewertungen handelt, behalten wir uns unsere eigene Perspektive vor. Wir werden weiterhin über positive Entwicklungen berichten, aber auch über Schwierigkeiten, Belastungen und die Realität von Familien, deren Alltag mit einem erheblichen Unterstützungsbedarf verbunden ist.

 

Wir werden weiterhin aufklären, uns vernetzen und uns für die Interessen neurodivergenter Menschen einsetzen.

 

Und wir werden auch weiterhin Fehler machen können, dazulernen und unsere Informationen verbessern.

 

Was wir allerdings nicht tun werden, ist uns für unsere persönlichen Erfahrungen oder unsere grundsätzliche Haltung rechtfertigen, nur weil jemand unsere Sichtweise nicht teilt.

 

Fachliche Kritik ist willkommen. Unterschiedliche Meinungen sind es ebenso.

 

Persönliche Herabwürdigungen hingegen sind keine notwendige Voraussetzung für Aufklärung und auch kein Zeichen besonderer Fachkompetenz. Für uns bleibt deshalb ein Gedanke entscheidend:

 

Wer Akzeptanz fordert, sollte auch unterschiedliche Perspektiven akzeptieren können. 

Und wer Respekt erwartet, sollte bereit sein, diesen selbst entgegenzubringen.

 

Genau das verstehen wir unter einem wertschätzenden Miteinander. 

 

Danke fürs Lesen.

gedankenflut.fuehlen

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