Eine Armlänge entfernt und
plötzlich war alles anders
Ein Konzert besuchen, Karten kaufen, hinfahren und einen schönen Abend haben. Was für viele selbstverständlich klingt, braucht bei uns deutlich mehr Vorbereitung. Bei einem autistischen Kind stellen sich vorher Fragen wie: Wie voll wird es? Müssen wir lange anstehen? Gibt es einen geeigneten Platz? Und was passiert, wenn es zu viel wird?
Für unser Kind sollte es das erste richtige Konzert werden. Und dann auch noch Max Giesinger.
Ich selbst höre seine Musik schon seit vielen Jahren gerne und war vor einigen Jahren bereits bei einem kleineren Konzert. Unser Kind kam auf einem anderen Weg zu seiner Musik. Sie spielt seit drei Jahren Gitarre und im Unterricht werden immer wieder Lieder von Max einstudiert, auch für die Gitarrenkonzerte. Irgendwann wurden daraus Lieder, die sie auch zu Hause hören wollte.
Also entstand die Idee, ihn einmal live zu erleben.
Viel Planung vor dem ersten Konzert
Wir entschieden uns bewusst für Bremerhaven, weil wir für den ersten Versuch ein tendenziell kleineres Konzert wollten, und nahmen dafür die lange Fahrt aus NRW in Kauf. Praktischerweise wohnt meine Familie weniger als eine Stunde entfernt, sodass wir den nächsten Tag mit einem Familienbesuch verbinden konnten.
Noch bevor wir Karten kauften, kontaktierte ich zunächst das Management von Max und wurde von dort an den Veranstalter verwiesen. Es folgten mehrere Mails und ein langes Telefonat mit der zuständigen Mitarbeiterin. Etwa acht Wochen vor dem Konzert besprachen wir erstmals, was unser Kind braucht. Ende August gingen wir noch einmal gemeinsam alles konkret durch.
Der Kontakt war großartig. Es wurde nachgefragt, mitgedacht und uns wurden Informationen gegeben, die für unsere Planbarkeit wichtig waren.
Vor Ort gab es ein Podest für Menschen mit Beeinträchtigungen, unter anderem für Rollstuhlfahrer. Unser Kind konnte dort sitzen. Langes Anstehen und unnötiges Gedränge konnten wir vermeiden, es gab eine Rückzugsmöglichkeit und wir konnten den Bereich bei Bedarf verlassen und wiederkommen.
Das Podest befand sich gegenüber der Hauptbühne und direkt neben einer kleineren Bühne mit Licht- und Veranstaltungstechnik.
Ausgerechnet diese kleine Bühne sollte später den ganzen Abend verändern.
Trotz allem wurde es zu viel, denn auch die beste Vorbereitung verhindert keine Überforderung.
Schon vor Konzertbeginn gab es viele Dinge, die für unser Kind nicht passten. Sie konnte teilweise nicht so sehen wie erwartet, dazu kamen Menschen, Geräusche, Licht und unzählige Eindrücke.
Es kam zu zwei Meltdowns. Schließlich mussten wir das Gelände sogar kurz verlassen und ich wusste nicht, ob wir überhaupt zurückkommen würden.
Aber wir konnten raus, Abstand gewinnen und es noch einmal versuchen.
Genau darin liegt für mich gute Inklusion: Sie verhindert nicht jede schwierige Situation, aber sie schafft Möglichkeiten, mit ihr umzugehen.
Wir gingen zurück. Unser Kind blieb zunächst sehr verhalten. Kein Tanzen, kein Wippen. Sie war dabei, aber auf ihre Art.
Und dann kam die Wendung.
Eine ausgestreckte Hand
Nach ungefähr einer Dreiviertelstunde verließ Max die Hauptbühne und kam auf die kleine Bühne direkt neben unserem Podest.
Plötzlich stand er keine Armlänge von unserem Kind entfernt.
Sie ging nach vorne.
Und Max reichte ihr die Hand.
Für ihn vermutlich ein kurzer Moment während eines Konzerts. Er konnte nicht wissen, dass dieses Kind kurz zuvor zwei Meltdowns hatte, das Gelände verlassen musste und wir kurz vor dem Abbruch standen.
Für unser Kind waren genau diese wenigen Sekunden der Wendepunkt.
Danach wollte sie plötzlich zur Hauptbühne. Als ihr Lieblingslied gespielt wurde, ging sie sogar freiwillig mitten hinein in die Menschenmenge. Ich musste nicht unmittelbar neben ihr stehen. Sie schaute zwar immer wieder, wo ich war, aber Abstand war plötzlich in Ordnung. Eine Stunde vorher wäre das undenkbar gewesen.
Natürlich war der Autismus nicht plötzlich verschwunden. Aber etwas hatte sich verändert.
Wir hatten wochenlang geplant, telefoniert und versucht, möglichst vieles vorherzusehen. Doch ausgerechnet den Moment, der am Ende den größten Unterschied machte, konnte niemand planen.
Max hat unserem Kind einfach die Hand gereicht und vermutlich überhaupt nicht gewusst, was er damit ausgelöst hat.
Am Ende bewertete unser Kind ihr erstes Konzert übrigens mit einer 1 minus.
Das Minus gab es für den holprigen Anfang.
Und eigentlich könnte man diesen Abend kaum besser zusammenfassen: Zwei Meltdowns, kurz vor dem Abbruch und wenig später mitten in der Menge beim Lieblingslied.
Dank vieler Menschen wurde Teilhabe überhaupt möglich gemacht. Und dann brauchte es nur noch eine ausgestreckte Hand, um aus einem unglaublich schwierigen Start einen Abend zu machen, den wir wohl beide nicht vergessen werden.




